Inhalatives Medikament gegen Lungenfibrose
Hoffnung für Patientinnen und Patienten mit Lungenfibrose: Forschende des LMU Klinikums München haben in einer internationalen Studie erstmals gezeigt, dass ein zu inhalierendes Medikament den Verlauf der schweren Lungenerkrankung deutlich bremsen und zugleich die Lebensqualität verbessern kann. Das bereits bekannte Mittel Treprostinil, bislang bei Lungenhochdruck eingesetzt, erwies sich als wirksam und gut verträglich.
Die Ergebnisse, die im New England Journal of Medicine veröffentlicht worden sind, markieren einen wichtigen Fortschritt in der Behandlung der idiopathischen Lungenfibrose – einer bislang nur schwer therapierbaren Erkrankung. Ob das neue Therapiekonzept bald zugelassen wird, sollen nun weitere Studien klären.
Die idiopathische Lungenfibrose (IPF) ist die prototypische, fibrotische Lungengerüsterkrankung (synonym: Interstitielle Lungenerkrankung, ILE), die mit einer hohen Sterblichkeit verbunden ist. Daneben gibt es über 200 Ursachen für ILE, die in etwa einem Drittel der Fälle ebenfalls mit einer Vernarbung des Lungengewebes einhergehen, so dass der eingeatmete Sauerstoff nicht mehr ausreichend an den Körper weitergegeben werden kann.
Sobald ein vernarbender Verlauf („Fibrose“) eintritt, sind die Folgen mit der idiopathischen pulmonalen Fibrose vergleichbar: zunehmende Atemnot, trockener Reizhusten, abnehmende Leistungsfähigkeit und Notwendigkeit der Sauerstoffzufuhr durch Geräte. „Viele der Patienten“, sagt Jürgen Behr, „sterben binnen drei bis fünf Jahren nach Ausbruch der Erkrankung.“
Bisher verfügbare Medikamente können Verlauf nur verlangsamen
Zwar ist die IPF mit 25 bis 30 Erkrankten pro 100.000 Einwohner in Deutschland selten, aber vor allem im Alter ab 65 Jahren steigt die Erkrankungshäufigkeit stark an. Die bisher verfügbaren Medikamente können das Fortschreiten nur verlangsamen und sind durch Nebenwirkungen belastet.
Eine durchgreifende Verbesserung von Lebensqualität und Überleben lässt sich allein durch eine Lungentransplantation erzielen, die aber nur für einen kleinen Teil der Betroffenen in Betracht kommt. Nicht nur angesichts des Mangels an Spenderorganen sind deshalb nicht nachlassende Anstrengungen in der Erforschung der Erkrankung essentiell.
Internationale Studie zu Effekt von inhaliertem Treprostinil auf Lungenfibrose
Nachdem das Medikament Treprostinil bereits bei Patienten mit Lungenhochdruck seit Jahren erfolgreich eingesetzt wird, wurde in einer Studie seine Wirksamkeit bei Patienten mit Lungenfibrose und zusätzlichem Lungenhochdruck untersucht. In dieser Studie fiel erstmal auf, dass inhaliertes Treprostinil auch die Lungenfibrose positiv beeinflusst. Auf dieser Basis wurde von Münchner Ärzten zusammen mit Kollegen mehrerer internationaler Krankenhäuser in einer großen Studie getestet, ob inhaliertes Treprostinil unabhängig vom Vorliegen eines Lungenhochdrucks die idiopathische Lungenfibrose positiv beeinflusst.
Die Studie wurde in einem doppel-blinden, randomisierten und prospektiven Format durchgeführt, wobei insgesamt 593 Patienten in einem durchschnittlichen Alter von 72 Jahren eingeschlossen wurden. Immer wieder wurde dabei die forcierte Vitalkapazität (FVC) über ein Jahr gemessen. Die FVC ist ein Maß für das Lungenvolumen, das bei Lungenfibrose in Folge der Lungenschrumpfung rasch abnimmt.
Lungenvolumen nahm in Treprostinil-Gruppe weniger ab als in Placebogruppe
Ergebnis: Bei den Teilnehmenden in der Placebo-Gruppe nahm die FVC um gut 136 Milliliter ab, bei den Teilnehmenden in der Treprostinil-Gruppe nur um knapp 50 Milliliter. In dieser Gruppe verschlechterten sich etwa 80 Patienten (27 Prozent) im Untersuchungszeitraum klinisch von ihrer Symptomatik her, in der Kontrollgruppe dagegen 115 Patienten (39 Prozent). „Auch das Überleben ohne Fortschreiten der Erkrankung war in der Treprostinil-Gruppe besser“, betont Jürgen Behr.
Die Verträglichkeit des Medikaments war insgesamt gut. Nicht unerwartet trat Husten im Rahmen der Inhalation bei knapp der Hälfte der Patienten in der Treprostinil-Gruppe und bei knapp einem Viertel der Patienten in der Placebo-Gruppe. Ein Drittel der Teilnehmenden in der Gruppe mit dem wahren Medikament hat die Therapie wegen Nebenwirkungen abgebrochen, in der Kontrollgruppe war es ein Viertel.
Lebensqualität bei Treprostinil-Patienten entwickelte sich besser als in Kontrollgruppe
„Im Vergleich zu den bisherigen Substanzen“, resümiert Jürgen Behr, „verspricht dieses neue Medikament eine bessere Wirksamkeit bei einem vorteilhaften Nebenwirkungsprofil.“ Den Husten, sagt er weiter, „können wir mit bestimmten Maßnahmen bei den meisten Patienten in den Griff bekommen".
Ihn hat vor allem beeindruckt, dass sich die Lebensqualität der Teilnehmer unter der Therapie klinisch-relevant besser entwickelte als in der Kontrollgruppe. Ob das Medikament in Deutschland zugelassen wird, entscheidet sich nach den Ergebnissen zweier weitere Studien, die noch nicht abgeschlossen sind.
FAQ – die wichtigsten Fragen und Antworten Lungenfibrose und Treprostinil
Bei einer Lungenfibrose kommt es durch Schädigung der Lungenbläschen (Alveolen) zu einer Defektheilung mit Ausbildung von Narbenarealen und Schrumpfung der Lunge.
Durch den Verlust an Lungenbläschen kann Sauerstoff nicht mehr ausreichend in das Blut übertragen werden, wodurch es zunächst bei Belastung und später auch in Ruhe zu einem Sauerstoffmangel kommt und die Leistungsfähigkeit immer weiter abnimmt.
Gleichzeitig wird das Lungengewebe durch die Narbenbildung immer steifer, so dass die Atemarbeit zunimmt und das subjektive Gefühl der Luftnot entsteht.
Zunächst müssen mögliche Ursachen gefunden oder ausgeschlossen werden. Hierzu gehören bestimmte organische oder anorganische Stäube (z.B. Quarzstaub, Asbest, schimmelpilz-belastete Stäube in der Landwirtschaft etc.) . Auch Medikamente und rheumatische Krankheiten können eine Lungenfibrose auslösen. In diesen Fällen ist die Vermeidung bzw. Behandlung der auslösenden Ursache entscheidend.
Ist bereits eine Fibrose eingetreten, dann gibt es zwei zugelassene Medikamente – Nintedanib und Pirfenidon, die das Fortschreiten der Erkrankung und insbesondere die Lungenschrumpfung verzögern. Ein drittes Medikament mit etwas günstigerem Wirkungs-Nebenwirkungsprofil – Nerandomilast – ist in den USA bereits zugelassen und wird voraussichtlich noch im Jahr 2026 auch in Deutschland verfügbar sein.
Zusätzlich profitieren die Lungenfibrose-Patienten von allgemeinen und symptomatischen Behandlungsmaßnahmen wie Sauerstoffgabe, wenn Sauerstoffmangel bereits vorliegt, pneumologischer Rehabilitation und moderatem Training, guter Ernährung mit Vermeidung von Übergewicht aber auch Gewichtsverlust.
Sind alle konservativen Therapiemöglichkeiten ausgeschöpft und ist die Erkrankung dennoch fortschreitend, so bleibt die Lungentransplantation als definitive Therapieoption. Diese erfordert jedoch, dass der Patient weder zu gesund noch zu krank ist und kommt deshalb nur für einen kleinen Teil der Betroffenen in Betracht.
Treprostinil ist ein Prostacyclinanalogen, welches schon wegen seiner inhalativen Verabreichung eine Neuheit im Bereich der Lungenfibrosetherapie darstellt. Auf Grund seiner Wirkung auf das Lungengefäßsystem und die Bindegewebszellen kann es den Krankheitsprozess bei Lungenfibrose in doppelter Weise günstig beeinflussen. Die jetzt vorliegenden Studiendaten sind daher besonders ermutigend, weil es zu einer Stabilisierung des Schrumpfungsprozesses aber auch zu einer im Vergleich zur Kontrollgruppe besseren Entwicklung der Lebensqualität und insbesondere der Luftnot gekommen ist.
Treprostinil wurde ursprünglich für die Behandlung des Lungenhochdrucks entwickelt und ist in dieser Indikation sowohl zur subkutanen als auch zur intravenösen Verabreichung zugelassen und wird sehr erfolgreich eingesetzt. In der sogenannten INCREASE Studie wurde inhaliertes Treprostinil bei Patienten mit Lungenfibrose und zusätzlich bestehendem Lungenhochdruck mit positivem Ergebnis untersucht, worauf hin die amerikanische Arzneimittelbehörde (FDA) inhaliertes Treprostinil in dieser Indikation zugelassen hat. In Europa steht allerdings eine Zulassung noch aus.
In Einzelfällen kann Treprostinil über die internationale Apotheke importiert und als „off label use“ verabreicht werden. Allerdings sind der organisatorische Aufwand und die Kosten sehr hoch. Es bedarf außerdem einer individuellen Genehmigung und Zusage der Kostenübernahme durch die jeweilige Krankenkasse.
Aktuell werden noch zwei große Studien mit inhalativem Treprostinil in der Indikation idiopathische Lungenfibrose (IPF) in den USA und Kanada durchgeführt und in der Indikation progressive pulmonale Fibrose (weltweit) durchgeführt. Sollten diese Studien das positive Ergebnis der ersten Studie bestätigen, so ist mit einer Zulassung zu rechnen.
Autor
Prof. Dr. med. Jürgen Behr ist Facharzt für Innere Medizin, Lungen- und Bronchialheilkunde sowie Kardiologie und Allergologie. Er ist Lehrstuhlinhaber für Innere Medizin/Pneumologie an der Ludwig-Maximilians-Universität München (LMU), Direktor der Medizinischen Klinik und Poliklinik V (Pneumologie) am LMU Klinikum und Vorstand der Stiftung AtemWeg.
Originalpublikation
Inhaled Treprostinil for Idiopathic Pulmonary Fibrosis
Steven D. Nathan, M.D., Peter Smith, Pharm.D., Chunqin Deng, M.D., Ph.D., Maria De Salvo, M.D., Wim Wuyts, M.D., Juana Pavie-Gallegos, M.D., Jin Woo Song, M.D., Ph.D., +11 , for the TETON-2 Trial Investigators*Author Info & Affiliations
NEJM, Published March 11, 2026
Quellen und weiterführende Links
- Website der Medizinischen Klinik und Poliklinik V
- Video mit Prof. Jürgen Behr: Lungenfibrose - kurz und verständlich
- S2k-Leitlinie Diagnostik der Idiopathischen Lungenfibrose
- S2k-Leitlinie Pharmakotherapie der idiopathischen Lungenfibrose (ein Update) und anderer progredienter pulmonaler Fibrosen
- Newsmeldung LMU Klinikum: Lungenfibrose: Ionenkanal reguliert den Gewebeumbau
Kontakt
Prof. Dr. med. Behr, Jürgen
Direktor Medizinische Klinik und Poliklinik V, LMU Klinikum München